Holocaustgedenktag 2017

„Die Erinnerung führt uns in eine bessere Zukunft“

Holocaust-Überlebende hält zum vierten Mal einen Vortrag am Richard-Wagner-Gymnasium

Wenn Eva Mendelsson das Klassenzimmer betritt, wirkt sie wie eine ganz normale ältere Frau. Sie ist klein und trägt eine Brille, ihr goldenes Haar trägt sie in einem Kurzhaarschnitt. Außerdem lächelt sie sehr viel. Wenn sie spricht, so tut sie dies in einem ruhigen Tonfall mit angenehmer Stimme, man hört ihr gerne zu. Kurz gesagt wirkt sie wie die nette Oma von nebenan, die gerne strickt und Plätzchen backt.

Leider aber sieht die Realität anders aus und Frau Mendelsson ist nicht so normal, wie es scheint. Als Holocaust-Überlebende trägt sie, wie sie selbst sagt „im Innern viele Wunden“.

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Eva Mendelsson-Cohn

Diese hindern sie aber nicht daran, über die Geschehnisse von damals zu sprechen. Im Gegenteil: sie sieht es als ihre Pflicht, die Erinnerung an den Holocaust zu teilen, um zu einer besseren Zukunft beizutragen.

Aus diesem Grund hält sie, auch wenn sie heute in London lebt, regelmäßig Vorträge an deutschen Schulen und berichtet von ihrem Schicksal.

Eva Mendelsson wurde am 27. März 1931 als Eva Judith Cohn in Offenburg (Gengenbach) geboren. Sie war das dritte Kind von Sylvia und Eduard Cohn, die ein Geschäft in der Stadt besaßen. Die Familie lebte in Wohlstand, doch nach der Machtübernahme durch Hitler wurde das Leben bekanntermaßen immer schwieriger. Dennoch genoss Eva in den ersten Jahren eine glückliche und unbeschwerte Kindheit.

In der Reichspogromnacht wurde der Vater verhaftet und nach Dachau verschleppt. Nach sechs Wochen kam er unter der Bedingung, Deutschland innerhalb von drei Monaten zu verlassen, frei und floh nach England. Evas Mutter blieb mit ihr und ihren zwei älteren Schwestern Esther und Myriam zurück. Ab 1937 mussten die Schwestern die jüdische Schule in Freiburg besuchen und lebten unter der Woche in Pflegefamilien. Aus Angst vor Bomben-Angriffen von französischer Seite, floh die Familie für geringe Zeit nach München. Als die Mutter im März 1940 mit den jüngeren Kindern Myriam und Eva nach Offenburg zurückkehrte, blieb die Älteste, Esther, die seit Kindesalter an Kinderlähmung litt, in München in einem Pflegeheim. Mit ihr gab es kein Wiedersehen mehr. Sie wurde von München nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert, wo sie direkt nach der Ankunft ermordet wurde.

Aber auch in Baden ließen die Deportationen nicht lange auf sich warten. Am 22. Oktober 1940 wurde Eva mit der Mutter und der Schwester im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion ins Internierungslager „Gurs“ in den Pyrenäen verschleppt. Die Verhältnisse dort beschreibt Frau Mendelsson als menschenunwürdig. Es mangelte an allem, man lebte in ständiger Ungewissheit, Krankheit und Tod prägten den Alltag.

Nach sechs Monaten im Lager konnten die Schwestern von der Organisation „Oeuvre de Secours aux Enfants“ oder kurz „OSE“ aus dem Lager geschmuggelt und somit gerettet werden. Die Mutter hingegen konnte nicht entkommen. Sie wurde erneut deportiert und in Auschwitz vergast.

Während der Krieg tobte, kamen Eva und Myriam in verschiedenen Kinderheimen in Frankreich und in der Italienischen Schweiz unter. Dort hatten sie alles, was sie brauchten und wurden auch unterrichtet. Nach der Deutschen Kapitulation zogen sie zum Vater nach London. In England hatten sie erst viele Schwierigkeiten den Weg zurück ins normale Leben zu finden, aber schafften es letztendlich trotzdem. Ihre Vergangenheit aber vergaßen sie nie.

Im Anschluss an ihren Vortrag stand sie den interessierten Schülern der Kursstufe 1 zur Verfügung und ruft die junge Generation dazu auf, kein Unrecht zu dulden, keine Mitläufer zu sein und für das Gute einzustehen. Fragen wie „wie konnte es jemals so weit kommen?“ und „wie kann man verhindern, dass so etwas jemals wieder geschieht?“ bleiben in den Köpfen der Schüler.

Am Freitag, dem 27. Januar 2017 wird sie für ihre Arbeit von der Stadt Offenburg ausgezeichnet werden.

 

Gedenkveranstaltung zum Holocaust am RWG

Am Richard Wagner Gymnasium gab es außerdem am Donnerstag, den 26.01.17, wie jedes Jahr, eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Holocaust, um auch die jüngeren Schülerinnen und Schüler für dieses Thema zu sensibilisieren. Anhand der Lebensgeschichte der Widerstandskämpferin Hannah Szenes gelang es, den Jüngeren dieses ernste Thema nahezubringen und zugleich zu Mut und Engagement für das Gute aufzurufen. Das Richard-Wagner-Gymnasium führt diese Veranstaltung unter der Organisation der beiden Lehrerinnen Anke Flesch und Jacqueline Olesen bereits seit mehreren Jahren durch, gestaltet wurde sie in diesem Jahr jedoch hauptsächlich von den Oberstufenschülern Hanna Veiler und Ezra Bailer-Jones.

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Gedenkveranstaltung unter der Leitung von Ezra Bailer-Jones und Hanna Veiler

Hanna Veiler, Baden-Baden, 23.01.2017