Am Freitag, den 27. März 2026, hatte die Jahrgangsstufe K1 die besondere Gelegenheit, Herrn Dr. Michael Abraham als Gastreferenten zu erleben.

In der 5. und 6. Stunde sprach er in der Mensa über die Geschichte seiner Familie – eine bewegende Veranstaltung im Zeichen des Holocaust-Gedenktags, der aufgrund einer Reise des Referenten mit einem Monat Verspätung nachgeholt wurde.

„Geschichte meiner Familie – Spiegel europäischer Geschichte“

Gedenkveranstaltung mit Dr. Michael Abraham zum Holocaust-Gedenktag

Vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus

Dr. Abraham erzählte die Geschichte seiner Familie beginnend um das Jahr 1900. Er schilderte, wie seine Angehörigen den Ersten Weltkrieg, die Gründung der Weimarer Republik und die kulturell reichen „Goldenen Zwanziger“ erlebten. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus nahmen die Schicksale der einzelnen Familienmitglieder dramatisch unterschiedliche Wendungen – ein eindrückliches Abbild der historischen Epoche.

Einzelne Schicksale – stellvertretend für Millionen

Anhand konkreter Lebensgeschichten aus seiner Familie machte Dr. Abraham die Mechanismen der Ausgrenzung und Verfolgung greifbar. Während sein Vater Heinz und ein Onkel in die Sowjetunion flohen – Heinz kehrte später nach Deutschland zurück – schlug sein Cousin Günther einen anderen Weg ein: Mit 13 Jahren wurde er aus seiner Schule und seinem Fußballverein gedrängt, eine Erfahrung, die damals viele jüdische Kinder machten und die ihre Lebenswelt von einem Tag auf den anderen zerstörte. Seine Eltern schickten ihn 1938 in ein Kibbuz nach Palästina in Sicherheit, während das elterliche Warenhaus arisiert wurde; ihnen selbst gelang 1939 noch die Flucht nach Brasilien.

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Seine Cousine Anita erlebte die Pogromnacht vom 9. November 1938 in Berlin mit: Ihre Schule brannte, das Geschäft ihrer Eltern wurde verwüstet. Ihr gelang die Flucht mit einem sogenannten Kindertransport nach England; kurz vor Kriegsbeginn konnten auch ihre Eltern folgen. Diese Familie hatte das Glück, sich wiederzusehen. Ganz anders erging es Tante Hedwig, ihrem Mann und ihrem Sohn Klaus, die in Deutschland blieben: Sie wurden 1943 unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet. Sohn Gerd versteckte sich noch einige Monate in Berlin, wurde schließlich aber gefasst und nach Auschwitz-Monowitz zur Zwangsarbeit verschleppt, wo er 1944 an Entkräftung starb.

Die Familie wurde buchstäblich in alle Welt verstreut – in die USA, nach Chile, Brasilien, in die UdSSR und nach Palästina. Diese Vielfalt der Fluchtwege spiegelt die Zerrissenheit ganzer Generationen wider.

„Zeuge der Zeitzeugen“ – Forschung und Erinnerungsarbeit

Seit 2015 recherchiert Dr. Abraham intensiv über seine Familiengeschichte und entdeckt dabei immer wieder neue Zusammenhänge und Geschichten. Da Zeitzeugen heute nicht mehr persönlich an Schulen berichten können, versteht er sich selbst als „Zeuge der Zeitzeugen“ – eine Aufgabe, der er sich mit großem Engagement widmet. Bereits erschienen ist ein Buch über seinen Cousin Günther; ein weiteres Werk über einen seiner Onkel befindet sich in Arbeit.

Stimmen der Schüler:innen 

Die Rückmeldungen aus der Klasse zeigten, wie nachhaltig der Vortrag wirkte. Besonders hervorgehoben wurde der persönliche Zugang zur Geschichte: Durch die einzelnen Familienmitglieder ließ sich die Epoche greifbar nachvollziehen – vor allem die schrittweise Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung wurde so auf eine Weise deutlich, die der abstrakte Unterrichtsstoff allein kaum leisten kann. Mehrere Schüler:innen betonten, dass sie die Erzählungen emotional bewegt hätten und sie mit den geschilderten Personen mitfühlen konnten. Ausdrücklich bedankten sie sich dafür, dass Herr Dr. Abraham sich die Zeit für diesen Besuch genommen hat.

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Wir danken Herrn Dr. Abraham herzlich für seinen eindrucksvollen Vortrag und sein unermüdliches Engagement, die Erinnerung an die Opfer des Holocaust lebendig zu halten. Solche Veranstaltungen sind ein unverzichtbarer Beitrag zur historisch-politischen Bildung unserer Schüler:innen.